Wofür reisen wir eigentlich noch?

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Gold-violett leuchtende Portugiesische Galeere vor tiefdunklem Hintergrund mit deutschem Titel und Unterzeile.

AI wird Fachkonferenzen nicht abschaffen. Aber sie nimmt ihnen die bequemste Rechtfertigung: Für Informationen, die sich ebenso gut zusammenfassen, übertragen oder auf Abruf erzeugen lassen, müssen wir nicht mehr um die Welt fliegen.

Die AI auf der Bühne

Auf der ACSE-Konferenz vor ein paar Tagen erlebte ich zum ersten Mal eine AI als Conference Host. Sie kündigte Programmpunkte an, stellte Übergänge her und gab der Veranstaltung einen professionellen Rahmen. Das wirkte weniger spektakulär, als man vermuten könnte – und gerade deshalb war es interessant. Was hier automatisiert wurde, war keine Nebensache, sondern ein erheblicher Teil der sichtbaren Konferenzproduktion. Eine innovative Idee der Organisatoren!

Eine AI kann Zeitpläne erklären, Namen korrekt aussprechen, Beiträge mehrsprachig ankündigen, Fragen aus dem Publikum bündeln und am Ende eines Tages eine präzise Zusammenfassung liefern. Sie kann Teilnehmenden ein persönliches Programm empfehlen und versäumte Sessions in wenigen Minuten erschließen. Das macht die Konferenz effizienter. Es provoziert aber zugleich eine unangenehme Frage: Wenn die AI den Informationsfluss übernimmt, wofür brauchen wir dann noch die physische Veranstaltung?

Drei Leistungen, nur eine ist knapp

Fachkonferenzen verkaufen bislang drei Dinge als Paket: Information, Orientierung und Begegnung. AI kann die ersten beiden Leistungen zunehmend gut erbringen. Sie kann aus zehn Präsentationen ein belastbares Update erstellen, Positionen vergleichen und Widersprüche markieren. Sie kann im Handumdrehen aus einem Paper eine Präsentation erzeugen. Erste Experimente mit teilautonomen wissenschaftlichen Konferenzen verbinden bereits AI-gestützte Manuskripte, Begutachtung, Präsentation und Archivierung.

Das bedeutet nicht, dass Maschinen die besseren Wissenschaftler oder Vortragenden wären. Es bedeutet nur, dass der reine Informationswert vieler Vorträge leichter ersetzbar wird. Im wissenschaftlichen Publizieren kennen wir das Muster: dieselben Themen, ähnliche Folien, oft dieselben Akteure auf wechselnden Bühnen. Nicht jeder zwanzigminütige Marktüberblick rechtfertigt einen Flug samt negativer CO₂-Bilanz, ein Hotelzimmer für ein paar Nächte und meist mehrere Arbeitstage. Wenn ein Beitrag durch ein sorgfältig geprüftes AI-Update ohne nennenswerten Verlust ersetzt werden kann, gehört er vielleicht nicht mehr ins Hauptprogramm.

Knapp bleibt die dritte Leistung: Begegnung. Vertrauen entsteht nicht durch eine Zusammenfassung. Ein neuer Gedanke zeigt seinen Wert oft erst im Widerspruch, eine Kooperation beginnt beim Kaffee, eine Personalentscheidung nach einem Gespräch, das auf keiner Agenda stand. Besonders für jüngere Kolleginnen und Kollegen ist Sichtbarkeit nicht dasselbe wie Abrufbarkeit. Wer Konferenzen nur digitalisiert, wird diesem sozialen Wert nicht gerecht. Aber müssen es acht bis zehn Konferenzen pro Jahr sein?

Auch eine Begegnung ist nicht automatisch wertvoll. Ein Konferenzwesen, das über Jahre dieselben Stimmen einlädt, reproduziert vor allem seine eigene Hierarchie. Es erzeugt Vertrautheit, aber nicht zwingend Erkenntnis. AI könnte hier sogar helfen: nicht indem sie Menschen auswählt, sondern indem sie sichtbar macht, welche Perspektiven fehlen, welche Behauptungen sich wiederholen und welche Fragen im Programm unbeantwortet bleiben. Die redaktionelle Entscheidung muss bei Menschen liegen; ihre Informationsgrundlage kann besser werden.

Die Reise muss sich wieder verdienen

Gerade deshalb sollten wir kritischer mit dem Reisen umgehen. Eine Studie zu einer dreitägigen internationalen wissenschaftlichen Konferenz errechnete durchschnittlich rund 0,57 Tonnen CO₂-Äquivalente pro Teilnehmer; der größte Anteil entfiel auf die Anreise. Eine andere Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass virtuelle Konferenzen den CO₂-Fußabdruck um 94 Prozent senken können. Solche Zahlen sind keine moralische Fußnote. Sie verändern die Beweislast.

Die richtige Frage lautet nicht mehr: Kann diese Veranstaltung auch online stattfinden? Sondern: Was soll vor Ort geschehen, das online, als Aufzeichnung oder per Prompt nicht möglich ist? Eine überzeugende Antwort kann es geben – aber sie darf nicht aus einer Reihe austauschbarer Präsentationen bestehen. Die Zeiten der erzwungenen online oder Hybrid-Formate sind endgültig vorbei, wir brauchen etwas Neues.

Die Teilnahme wird deshalb vermutlich selektiver. Weniger Menschen werden für reine Updates reisen; diejenigen, die kommen, erwarten mehr als eine Bühne. Hybride und verteilte Formate können Reichweite schaffen, ohne jede Beziehung ins Videofenster zu zwingen. Forschung zu virtuellen Konferenzen zeigt beides: Sie verbreitern den Zugang und senken Emissionen, doch viele Teilnehmende vermissen informelles Networking und Gemeinschaft. Die Konsequenz ist nicht die Rückkehr zum alten Format. Sie ist eine bessere Arbeitsteilung.

Information an die Maschine, Präsenz an die Menschen

Künftig könnte vor der Konferenz ein AI-Briefing den gemeinsamen Wissensstand herstellen. Auf der Bühne blieben dann Streitgespräche, echte Gegenpositionen, Workshops, Verhandlungen und Entscheidungen. Statt fünf Keynotes über bekannte Trends gäbe es eine präzise Synthese und anschließend eine Debatte darüber, was daraus folgt. Nachwuchskräfte erhielten kuratierte Begegnungen und Mentoring. Freie Zeit wäre kein Loch im Programm, sondern dessen wertvollster Bestandteil.

Auch der AI Host hätte darin eine sinnvolle Rolle: als Übersetzer, Navigator, Zeitnehmer und Gedächtnis der Veranstaltung. Aber nicht als unkontrollierte Autorität. Wer Fragen auswählt, Zusammenfassungen formuliert und Sichtbarkeit verteilt, übt Macht aus. Modelle können Fehler erfinden, Dissens glätten, vertrauliche Gespräche speichern oder Interessen ihrer Betreiber reproduzieren. Ihr Einsatz muss kenntlich, beaufsichtigt und redaktionell verantwortet sein. Eine AI kann moderieren helfen; Verantwortung kann sie nicht übernehmen.

Für Veranstalter verändert das auch die Ökonomie. Wer Tickets vor allem mit einer langen Sprecherliste und möglichst vielen Sessions verkauft, bietet künftig etwas an, das digital nahezu ohne Grenzkosten verfügbar ist. Preiswürdig werden Kuratierung, Zugang, Arbeitsformate und die Qualität der entstehenden Beziehungen. Eine kleinere Konferenz kann dann wertvoller sein als eine größere. Und ein gutes hybrides Angebot ist nicht die billige Übertragung des Saalprogramms, sondern ein eigenständiger Zugang zu Information und Beteiligung.

Das ist keine Absage an Konferenzen. Es ist eine Absage an die Idee, Anwesenheit sei schon ein Wert an sich. AI macht schwache Veranstaltungen schwerer zu rechtfertigen und gute wertvoller: weniger Frontalprogramm, weniger Ritual, weniger Reise aus Gewohnheit – dafür mehr Austausch, mehr Überraschung und mehr Zeit für die Menschen im Raum.

Vielleicht war die AI als Conference Host deshalb kein Vorgeschmack auf eine menschenleere Veranstaltung. Vielleicht war sie der Hinweis auf eine menschlichere. Wenn Maschinen die Updates übernehmen, müssen wir nicht aufhören, uns zu treffen. Wir müssen nur endlich wieder wissen, warum.

Quellen

  1. Nature Communications: Virtual and hybrid conferences as climate-change mitigation
  2. Journal of Cleaner Production: Carbon footprint of a scientific conference
  3. The Lancet Planetary Health: Climate, participation and satisfaction in virtual conferences
  4. Journal of General Internal Medicine: Virtual and in-person conference experience
  5. BMC Medical Education: Preferences for in-person and virtual conferences
  6. HIKMA: A multi-agent framework for semi-autonomous scientific conferences

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