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Open Access und Bibliotheken – Is Honeymoon over?

Open Access und Bibliotheken – Is Honeymoon over?

Eine Replik auf Rafael Ball von Sven Fund

Rafael Ball hat mit seinem Beitrag „Die Transformation des Publikationssystems zu Open Access und die Konsequenzen für Bibliotheken und Wissenschaft“ in dieser Zeitschrift eine wichtige Debatte über die Rolle von Bibliotheken im Open Access (OA) losgetreten. Er wirft Fragen auf, die das Selbstverständnis von Experten der Informationsvermittlung in Hochschulen und darüber hinaus in ihrem Kern berühren und zugleich einige zentrale Probleme des Open Access offenbaren. Einige Beobachtungen sind gemacht und Antworten bereits gefunden. Und doch sollte Balls Sicht auf die Dinge modifiziert und um entscheidende Elemente ergänzt werden.

Open Access: Prozess und Zielszenario

Ball weist in seiner Diagnose zum Open Access auf längerfristige Trends hin, wie etwa die Ausbildung eines neuen Oligopols der großen Wissenschaftsverlage, die nun auch als die größten OA-Anbieter daherkommen, das mögliche Trittbrettfahrertum der forschenden Industrie sowie auch auf aktuellere Entwicklungen, etwa die Verhandlungen um DEAL in Deutschland. Er versäumt es dabei allerdings folgenschwer, zwischen Transformationsproblemen und dem Verhalten einzelner Akteure einerseits, und strukturellen Grenzen des Open Access andererseits, zu unterscheiden. Zunächst zum Grundsätzlichen: Ball proklamiert, Wissenschaftspolitiker, Forschungsfinanzierer und nicht zuletzt die überwiegende Mehrheit der Forscherinnen und Forscher selbst wünschten sich freien Zugang zu Inhalten. Aber ist dazu tatsächlich Open Access erforderlich? Gerade an großen und wohlhabenden Einrichtungen schienen Nutzer in der Vergangenheit nicht auf dieses Modell des Zugangs angewiesen, ermöglichte ihre Einrichtung zumindest dieser (eher kleinen) Gruppe doch komfortable Arbeitsbedingungen. Ball aber setzt den Wunsch nach Zugang zu Forschungsliteratur mit OA gleich – ein unzulässiger logischer Schluss. Kein relevanter Diskussionsteilnehmer geht heute davon aus, dass die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens zu 100 Prozent im Open Access stattfinden wird. Die Finanzierungspraxis von Forschungspublikationen – über Forschungseinrichtungen, Universitäten, Akademien der Wissenschaften, die Wirtschaft und Autoren selbst ist schon heute deutlich differenzierter, als Balls Darstellung uns glauben machen will – spricht bereits eine deutlich andere Sprache. Denn nicht nur die genannten Quellen der Finanzierung sind vielschichtiger als die reine Anwendung des Big Deals, auch die Geschäftsmodelle – Zeitschriftenabos, Buchkäufe, Produktionskostenzuschüsse, Anzeigen, Evidence Based Acquisition – sind es. Verlage und Bibliotheken sind schon immer mit dieser Hybridität umgegangen, und Open Access im Finanzierungs- und Erwerbungsmix sollte da kein größeres systematisches Problem darstellen. Und trotzdem deutet die Empirie nach zwei Jahrzehnten OA auf zentrale Versäumnisse und Schwächen bei der Umsetzung des Modells. Open Access hat demnach seine zentralen Ziele bis heute verfehlt, und es ist irreführend anzunehmen, dass dies allein Folge des Fehlens kritischer Masse sei. Die Konzentration unter den Verlagen hat seit der Berliner Erklärung 2003 weiter zugenommen, die Abopreise für Zeitschriften steigen unaufhörlich, die für Bücher vermutlich noch deutlich stärker.

Die statische Sicht auf das Erreichte greift deutlich zu kurz, und zu Recht verweist Ball in diesem Kontext auf die Probleme im Prozess der Transformation vom Paywalled zum Open Access Modell. Die Kehrseite der erstaunlichen Stabilität des wissenschaftlichen Publikationsmodells ist eben dessen geringe Agilität im Umgang mit disruptiver Veränderung. Und Bibliotheken, meist als öffentlich finanzierte Einrichtungen verfasst, tun sich hier naturgemäß noch schwerer als privatwirtschaftlich organisierte Verlage. Aus deren Sicht ist es beinahe zynisch, dass es heute kaum noch einen Inhalteanbieter ohne OA-Modell gibt. Während die Bibliotheken konträr zu dieser Entwicklung deutlich zu wenige Initiativen zur Bildung entsprechender Fonds zeigen. Wo diese vorhanden sind, werden sie oft deutlich vor Laufzeitende ausgeschöpft. Nähme man den Gedanken der Nutzersteuerung nun ernst, sollte dies nicht mutigere Budgetverschiebungen zur Folge haben, als sie derzeit zu beobachten sind? Wenn es Akteuren schwerfällt, Prozesse zu dynamisieren, greifen sie im Bildungsumfeld mit seiner hohen Komplexität zur Bildung neuer Strukturen. In der Transition von klassischen Bezahlmodellen zu OA ist diese neue Struktur die Einbeziehung des Neuen in das Alte, und zwar in Form von Offsetting. Dabei sollte die Verbindung beider Welten eher die Komplexität denn Transparenz und Steuerbarkeit erhöhen und kann so nur schwerlich ein probates Mittel sein, Open Access zum Durchbruch zu verhelfen. Der intellektuelle Fehler des Modells besteht ja ganz offensichtlich darin, ein großes Problem – die hohe Abhängigkeit von wenigen Anbietern – durch ein noch größeres zu ersetzen: die Vermischung von Finanzierungs- und Accessmodellen. Der Big Deal, der aus Sicht vieler Bibliotheken komplett aus den Fugen geraten ist und die Budgetautonomie der Kunden gegenüber ihren Lieferanten stark einschränkt, ist durch eine Komplettübereignung der Transition von reinen Subskriptionsmodellen zu gemischten Angebotsformen nicht zu heilen. Bibliotheken müssen, wenn sie auch künftig eine Rolle spielen wollen, die Finanzhoheit gegenüber den Anbietern zurückgewinnen. Und die derzeitige Einführung neuer Modelle, die in anderen Industrien als Disruption wahrgenommen wird, bietet sich für die Neuverteilung der Karten an und sollte nicht als restaurativer Prozess von vornherein ausgeschlossen werden.

All you can eat und Monopolisierung

Balls Sichtweise ist, wie oben erwähnt, nicht darin zuzustimmen, dass die Einführung von Open Access für alle Produkte und in allen Disziplinen ein erstrebenswertes Ziel ist. Es ist wirtschaftlich einfach nachweisbar, dass dieser Kurs sowohl für Verlage als auch für Bibliotheken unweigerlich zu einer Kollision zwischen Wünschenswertem und Leistbarem führte. Gerade in diesem Punkt macht es der Autor sich und seinen Fachkollegen dann auch deutlich zu einfach. Warum wird nicht schon heute mehr Energie darauf verwandt, mithilfe analytischer Verfahren zu ermitteln, wo Open Access-Gelder sinnvoll einsetzbar sind und wo nicht? Sollten Aanalytics nicht auch jenseits von Preisverhandlungen dazu dienen, den sachgerechten Mitteleinsatz zu steuern, und zwar gerade auch zwischen Geschäftsmodellen, die Bibliotheken so viele Jahre von Verlagen gefordert haben? Dass der Zugriff aller auf alles nicht im Fokus der Open AccessBewegung steht und kaum finanzierbar sein dürfte, liegt trotz anderslautender theoretischer Konzeptionen von Ralf Schimmer und anderen für die Welt der STM-Zeitschriften auf der Hand.1 Also muss es doch das Ansinnen sein, mit einem differenzierenden Blick jene Disziplinen und Produkte zu identifizieren, in denen der Nutzen von Open Access am höchsten ist, sei es nun finanziell oder nutzungsbasiert. Auch ist Balls Erkenntnissen zur Monopolisierung der technischen Plattformen, insbesondere im Open Access, nur schwer zu folgen. Gerade der freie Zugriff auf das, durch Creative Commons-Lizenzen deutlich liberalisierte, Teilen und Weiterverarbeiten von Inhalten jenseits der Infrastruktur spezifischer Anbieter ist ja konstitutives Merkmal von OA. Und die stetig steigende Nutzung nicht nur von Repositorien, sondern auch von auf Wissenschaftler spezialisierten Netzwerken, wie etwa Academia.edu, sollten diese Sorge unbegründet erscheinen lassen, zumindest aus Sicht der Forscher. Dass Bibliothekare in diesem Spannungsfeld neue Aufgaben finden müssen und zu einem erheblichen Teil auch schon angenommen haben, steht außer Frage. Ob sie sich allerdings dieser Art von Fragestellung eher zuwenden sollten als des verbesserten Dienstes am Nutzer in einem zunehmend unübersichtlichen digitalen Umfeld, darf bezweifelt werden.

Open Access als Organisationsproblem – vor allem auf Bibliotheksseite

Die flächendeckende Durchsetzung von Open Access scheiterte bisher vor allem an organisatorischen Fragen. So steht einer kleinen Anzahl von Verlagen, die den Löwenanteil der Publikationsbudgets weltweit auf sich vereinen, eine große Zahl sehr unterschiedlicher Bibliotheken, Konsortien und anderweitig organisierter Kunden gegenüber. Kooperative Ansätze, die bisher insbesondere für Bücher organisiert wurden, können Erfolge darin vorweisen, zahlreiche Einrichtungen hinter einem Produkt zu versammeln, allerdings bleibt ihre Reichweite bisher begrenzt. Das liegt weniger an ihrer Effizienz, sondern vielmehr an der auch von Ball diagnostizierten schismatischen Trennung der Wissenschaftsbereiche im Digitalen. Es ist nur schwer einzusehen, dass der Open Access-Diskurs sich fast exklusiv um STM-Zeitschriften dreht und 99% der OA-Mittel von ca. 500 Mio. US-Dollar im Jahr 2017 für diese Disziplin und Mediengattung aufgewendet werden. Der Grund? Vermeintlich geringere Komplexität als OA in den Geistes- und Sozialwissenschaften, und dann insbesondere bei Büchern. Diese Ansicht ist offensichtlich falsch, ist doch das wirtschaftliche Risiko der Transition einer Zeitschrift vom Subskriptions- zum Open Access-Modell für Verlage deutlich schwieriger zu kalkulieren, als dies bei Büchern der Fall ist. Die Folge? Die oft beklagten, deutlich zu hohen Kosten als Risikopuffer durch das sogenannte Double Dipping. Zudem kalkulieren die Anbieter die Preise für OA selten korrekt, geben sie doch in dem Modell entfallende Kosten, etwa für teure Access Management-Systeme und die klassische Vertriebsabteilung, nicht in Form von Preissenkungen an die Kunden des Modells weiter, sondern greifen meist zur großzügigen Mischkalkulation. Für Nervosität sorgt in der Open Access-Community derzeit das sich deutlich verlangsamende Wachstum, insbesondere bei APC-basierten Geschäftsmodellen. Dass diese Finanzierungsform kaum geeignet ist, den raschen und großflächigen Übergang zu Open Access effektiv zu finanzieren, liegt auf der Hand. Neben eher organisationssoziologischen Gründen – Bibliothekare werden sich ihre Aufgabe kaum in Gänze von APC-publizierenden Forschern aus der Hand nehmen lassen – sprechen auch Erfahrungen aus der Arbeitsweise von Bibliotheken gegen diese Annahme. Kein einzelnes Modell, zumal kein derart erratisches wie APC-Fonds, lässt sich nach den heute formulierten Zielsetzungen der allermeisten Einrichtungen flächendeckend einsetzen. Und dass zugleich die oft dezentral/föderal verankerte Finanzierungsstruktur der wissenschaftlichen Informationsversorgung sich nicht kurzfristig ändern wird, ist ebenso erwartbar. Was bleibt also aus bibliothekarischer Sicht? Diamond Open Access (DOA), also das koordinierte Freikaufen ganzer Publikationslisten im Buch- wie auch im Zeitschriftengeschäft, scheint ein pragmatischer Weg zu sein, verhindert er doch eine dysfunktionale Disruption. DOA gibt Verlagen ausreichende Investitionssicherheit, Programmteile oder Produkte in größerem Ausmaß als bisher frei verfügbar zu machen, da die Transaktionsvolumina steigen und den Anbietern eine vernünftige Kalkulation ermöglichen. Zugleich werden so in Bibliotheken Prozesskosten deutlich gesenkt – übrigens ein Aspekt, der nicht nur von Ball in seinem Beitrag, sondern in der Diskussion insgesamt weitgehend ignoriert wird. Klar ist jedoch: Die für solche Umstellungen verfügbaren Finanzmittel sind derzeit noch deutlich zu begrenzt, als dass ihr Einsatz aus Forschersicht relevant wäre. Die zunehmende Vernetzung von Bibliotheken, etwa um die Nationalen Open Access Kontaktpunkte oder auch in regionalen Konsortien, bilden hier einen neuen Ansatz. Gleichwohl: Zentrale Probleme des Open Access bleiben auch durch eine bessere Koordination der Käuferseite, zum Beispiel im Diamond Open Access, nur schwer lösbar. So sind die Risiken des Double Dipping nur dann wirksam auszuschalten, wenn alle Teilnehmer des wissenschaftlichen Publikationsmarktes ihren Beitrag leisten und OA in ihren Geschäftsmodellen umsetzen. Gerade die überwiegende Anzahl der Händler tut sich hiermit nach wie vor schwer. Gleiches gilt für die Nutzungsmessung: Nur wenn der Einfluss von Open Access auch jenseits der Messung von Downloads innerhalb der IP-Range einer Einrichtung bei der Evaluation berücksichtigt wird, haben Bibliothekare über ihre grundsätzliche Überzeugung hinaus eine Motivation, in größerem Maße Mittel ins Open Access umzuschichten. Open Access ist sicher nicht die allein seligmachende Finanzierungsform für wissenschaftliche Publikationen, und der OA-Anteil wird vermutlich nicht nur entlang eines Modells stattfinden. Es schafft aber auch nicht, wie Ball nahelegt, unüberwindbare Komplexität und systemische Blockaden, wenn der gesamte Aktionsraum proaktiv gestaltet wird. Bibliotheken sind dabei unter den gegebenen Rahmenbedingungen klar am Zug. Sie haben von Verlagen zu Recht neue Erwerbungsmodelle gefordert, nun ist es an ihnen, diese auch mit der erforderlichen Finanzkraft auszustatten und ihnen zum Erfolg zu verhelfen.

Rechtlicher Hinweis Dieser Artikel wurde erstmalig am 20. Februar 2018 auf B.I.T. Online veröffentlicht. Zur Erstausgabe geht es hier.

About the Author

Sven Fund

Sven Fund, geboren 1973, ist seit 15 Jahren im Medienbereich tätig. Nach Stationen in der Zentralen Unternehmensberatung von Bertelsmann, verschiedenen Rollen innerhalb von Springer Science + Business Media und als CEO von De Gruyter ist er seit 2015 mit seinem Unternehmen fullstopp selbstständig. Funds Interessenschwerpunkt liegt im Bereich der Kundenorientierung und der Digitalisierung. Er investiert in digitale Enabler und berät etablierte Unternehmen und Startups.

 

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